Die Glosse

Krieg auf Mallorca / VON GABRIELE KUNZE

,,Stellt euch vor, es ist Krieg, und niemand geht hin”, schrieb Bertold Brecht. ,,Glücklich die Zeiten, das es noch Kriege gab”, schrieb Günter Anders angesichts von Auschwitz und Hiroshima. ,,Wenn fern in der Türkei die Völker aufeinander schlagen”, dichtete Heinrich Heine.

Ich stelle mir vor: Es ist Krieg auf Mallorca. Palma ist von feindlichen Truppen bedroht. Es heißt, man habe schon auf die Kathedrale geschossen. Unersetzliche Kulturgüter würden zerstört werden. Rufe nach Maßnahmen der UNO werden laut.

Dann die nächste Meldung: Pollença ist belagert. Die gesamte Bevölkerung ist, bis auf die wehrfähigen Männer, eingeschlossen. Dann werden Sineu, später Manacor, Inca und Sa Pobla von schwerbewaffneten Freischärlern in Angst und Schrecken versetzt.

Auch die Post– und Telefonverbindungen reißen ab, alle Flüge werden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Ein Aufschrei des Entsetzens hallt durch Port d'Andratx, durch Illetes und Calas de Mallorca. Soll man etwa ganze Urbanisationen evakuieren?

Noch gilt nicht: Rette sich, wer kann. Noch gilt: Rette, was zu retten ist. Es gibt gut organisierte Versorgungsflüge: Lebensmittel und Medikamente werden nach Mallorca gebracht, Zweithaus–Einrichtungen herausgeschafft. Das sorgt für Auslastung der Flüge. Manchmal werden auch alte oder gebrechliche Residenten ausgeflogen, aber nur sofern sie bürgende Verwandte in Deutschland haben. Doch der Krieg geht weiter.

Warum? Das interessiert niemanden. Man beschließt achselzuckend: Da, nach Mallorca, kann man nicht mehr hinfahren. Kein Ferienziel mehr, außer für Abenteuerurlauber.

Mancher denkt wehmütig an ,,die herrliche Sonneninsel, die ich so geliebt habe”. Aber wer will schon bei Granateneinschlägen Champagner im noblen Yachthafen schlürfen. Da bliebe einem glatt der lauwarme Lachs an Trüffel-Estragon-Sauce im Hals stecken.

Stellt euch vor es ist Krieg, und kein Tourist geht mehr hin.

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