„Kopfgeld” für jeden Patienten

Bei nicht lebensgefährlichen Verletzungen brauchen Kranke oft Geduld, Glück und ausreichende Mittel

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Notärzte im Einsatz.

Wer derzeit auf Mallorca einen Krankenwagen braucht, der benötigt unter Umständen Glück, Geduld und auch Geld. Denn seit vor einem Jahr der Vertrag zwischen der spanischen Gesundheitsbehörde Insalud und der privaten Krankentransport-Firma Ambulancias Illes Balears gekündigt wurde, ist der Patient oft der Willkür der Fahrer ausgeliefert. Denn Insalud hat nur vier Notarzt-Wagen (UVI-Móvil) auf der Insel unter eigener Regie. Zusammen mit einem Helikopter, den die Generaldirektion für Verkehr für den Sommer ausleiht, muss die Versorgung bei Unfällen und aktuten Notfällen garantiert werden.

Wer nicht gerade in Lebensgefahr schwebt, dem verhilft auch eine Privatversicherung manchmal nicht zur Behandlung nach Wunsch. Zwischen die Fronten des spanischen Gesundheitswesen geriet auch Gotthard Rieger, nachdem er vor zwei Wochen einen Krankenwagen alarmierte. Ein Stuhl war unter ihm zusammengebrochen, er hatte schwere Rückenprobleme. Sein deutscher Arzt auf der Insel empfahl ihm die Einweisung in die Klinik in Muro. „Dort kann ich sie morgen behandeln.”

Der Hannoveraner bat die Fahrer, die 100 Meter vor seinem Domizil in Pollença geparkt hatten und keine Trage für den kaum Gehfähigen dabei hatten, ihn dorthin zu transportieren. Keine Chance: „Sie stellten mich vor die Wahl, entweder Alcúdia oder gar nicht.” Gegen seinen Willen, wie Rieger be-tont, wurde er schließlich in die private Klinik in Alcúdia eingeliefert. Einen deutschsprachigen Mediziner gab es dort nicht, einzige Behandlung blieb bis zum Morgen ein leichtes Schmerzmittel.

Nur auf erheblichen Druck erreichte der Urlauber seine Verlegung nach Muro, zuvor hatte man ihn erfolglos aufgefordert, eine saftige Rechnung zu bezahlen: 1400 Mark. Sein Kommentar: „Das ist einfach unglaublich.” Für Kenner des Systems ist dieses Verhalten keine Seltenheit. Denn die Krankentransporteure, die ungenügende Bezahlung für ihre Leistungen durch die Gesundheitsbehörde beklagen, versuchen auf diese Art ihren Schnitt zu machen. Sie liefern Patienten nicht in die beiden Insalud-Krankenhäuser in Palma (Son Dureta) und Manacor ein, sondern in eine der Privatkliniken. Die wiederum stehen in einem harten Konkurrenzkampf zueinander und zahlen – ein offenes Geheimnis – den Fahrern oder den Unternehmen eine Art „Kopfprämie” für Patienten. Besonders gern gesehen: Ausländer, weil oft privatversichert und ahnungslos.

Doch selbst für deutsche Versicherte bei der spanischen Seguridad Social kann es schwierig werden. Heinz Groß wies die Fahrer ausdrücklich an, ihn ins Son Dureta zu fahren. Binnen weniger Stunden hatte sich ein Zeh des Diabetikers schwarz verfärbt – Zuckerschock.

Eingeliefert wurde der Resident in die Privatklinik Femenia. Dort mußte er eine Zahlungsverpflichtung über 130.000 Pesetas, (rund 1500 Mark) unterschreiben. „Das Geld, das ich dabeihatte, nahm man mir ab”, so der 58-Jährige. Daraufhin wurden ihm zuckersenkende Mittel verabreicht, für die notwendige Amputation des Zehs sollte Groß zunächst 1'5 Millionen Pesetas, umgerechnet 17.600 Mark, beibringen. Die Zeit drängte. „Nur drei Tage später hätte ich das ganze Bein verloren”, sagt Groß. Nur mit Hilfe des Konsulats erreichte der Saarländer schließlich die Verlegung ins Son Dureta – 500 Meter weit entfernt. Dort wurde der Zeh in einer dreiminütigen Operation entfernt – drei Tage später war Heinz Groß wieder in seiner Wohnung in Peguera.

Schilderungen wie diese sind in der Notrufzentrale der Gesundheitsbehörde Insalud nicht neu. „Wir können leider nichts machen”, sagt Andres Gili, der Koordinator des Zentrums der Notfallnummer 061 an der Calle de la Fábrica in Santa Catalina (Palma). „Wir geben zwar den Transportauftrag an die Krankenwagen, können aber nicht nachvollziehen, wohin sie die Patienten bringen, denn es gibt keine Funkverbindung.” Seit der Kündigung des Vertrages mit Ambulancias Illes Balears gebe es Probleme und berechtigte Kritik, „die leider auf uns zurückfällt”.

Ab Oktober, hofft Gili, soll alles besser werden. „Es wird einen Vertrag zwischen Insalud und einem Krankentransporteur geben. Da wird es eine komplette Funküberwachung geben, die Notfall-Sanitäter auf den Wagen wollen wir fortan selbst ausbilden.”

Selbst einsetzen kann die Zentrale weiterhin die vier Notarztwagen, die bei schweren Fällen mit Arzt und Notfall-Sanitäter ausrücken. Außer in Palma gibt es Fahrzeuge in Santa Ponça und Manacor, die UVI-Móvil aus Inca ist im Sommer in Alcúdia stationiert. „Natürlich brauchen wir länger, aber in 20 bis 25 Minuten erreichen wir bei schweren Fällen die Patienten”, sagt Gili. Koordiniert werden alle Einsätze von einem ständig präsenten Arzt. Er muss die Schwere der Erkrankung per Ferndiagnose einschätzen und, falls erforderlich, einen Arzt aus dem nächstgelegenen Gesundheitszentrum schicken, damit der Patient schnellstmöglich versorgt werden kann.

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