Trick mit Schleife wird für Opfer oft teuer

Organisierte Banden operieren an den Geldautomaten auf der Insel

VON
ANGELA HELBING
UND MARTIN AHLERS
Seine Bank hatte schon geschlossen, aber er brauchte für den Abend noch Geld. Also entschloss sich TV-Moderator Werner Schulze-Erdel (RTL, „Familienduell”), mit seiner Kreditkarte an einem Bankomaten in Palmanova Bargeld zu ziehen. „Es war gegen acht Uhr,” erzählt er. „Ich gab meine Pin-Nummer wie immer ein, aber es passierte nichts. Nach einer Weile leuchteten mehrere Signale auf, und meine Karte wurde einbehalten. Da ich die spanischen Anzeigen nicht verstehen konnte und wohl einen verwirrten Eindruck gemacht habe, sprach mich ein Mann, der hinter mir gewartet hatte an, ob er mir helfen könne. Zusammen gaben wir dann noch mal meine Pinnummer ein, aber es passierte wieder nichts. Meine Karte blieb verschwunden. Schließlich habe ich aufgegeben, dachte mir, dass mein Konto wohl überzogen sei, und die Bank deshalb meine Kreditkarte eingezogen hat.” Von wegen. Als der TV-Moderator am nächsten Morgen gleich bei seiner Bank vorsprach und die eingezogene Karte abholen wollte, beschied man ihm, dass keine Karte da sei. Auch sein Konto war nicht überzogen.

Ein Blick auf seine Auszüge klärte den Sachverhalt: Schulze-Erdel war einem Trickbetrug zum Opfer gefallen, dem sogenannten libanesischen Schleifentrick.

Und der ist äußerst raffiniert. Die Betrüger präparieren den Kartenschacht am Geldautomaten mit einem hauchdünnen, nahezu unsichtbaren Plastik-Einsatz, den der arglose Kunde kaum entdecken kann. Schiebt er seine Karte ein, reagiert der Apparat nicht, wirft auch die Karte nicht wieder aus. Auf diesen Moment lauern die Trickbetrüger. Einer nähert sich dem Opfer, gibt vor, helfen zu wollen und empfiehlt, erneut die Nummer einzugeben. Dabei versucht er, die getippten Zahlen zu erkennen.

Natürlich passiert nichts, der Kunde geht im Glauben, der Automat habe seine Karte eingezogen. Dann entfernen die Gauner den Plastikeinsatz nebst Karte und können mit damit Geld abheben oder sie als Zahlungsmittel einsetzen. Meist vergeht eine Nacht, bis der Kunde zur Bank geht, schnell kann der Schaden in die Tausende gehen.

Auch im Fall Schulze-Erdel waren die Betrüger frech genug, um mit seiner ergaunerten Pinnummer nur zwanzig Minuten später aus dem Bankomaten auf der gegenüberliegenden Straßenseite zweimal 50.000 und einmal 25.000 Pesetas abzuheben.

„Insgesamt habe ich 1500 Mark verloren”, sagt der Moderator, der bei seinem Besuch in der Bank gleich die Karte sperren ließ. Bei der Guardia Civil in Palmanova erstattet er auch Anzeige. Die Polizisten auf der Wache waren über das Geschehene nicht erstaunt – in den letzten Wochen häuften sich solche Fälle. „Natürlich bin ich jetzt schlauer”, sagt der Moderator. „Ich werde nicht mehr so blauäugig sein, und jemandem, der mir seine Hilfe anbietet, vertrauen.”

Derweil stapeln sich auf allen Dienststellen der Guardia Civil auf der Insel die Anzeigen. „Wir haben sie nicht gezählt”, so ein Sprecher der Kommandantur in Palma auf MM-Anfrage. Allein in Cala Ratjada sollen nach Angaben von Geschädigten rund 60 Urlauber in den letzten Wochen der Masche zum Opfer gefallen sein. „Das Problem ist nicht neu und stellt sich jeden Sommer wieder”, so der Guardia-Civil-Sprecher. „Es sind organisierte Banden, zumeist aus Osteuropa und Algerien, die immer nach dem gleichen Muster operieren.”

Erste Fahndungserfolge verzeichneten die Beamten am vergangenen Wochenende. Insgesamt 15 rumänische Staatsbürger wurde vorläufig festgenommen. Sie stehen im Verdacht, die Urlaubskasse von Touristen mit dem „libanesischen Schleifentrick” erleichtet zu haben. Drei von ihnen wurden in Palmanova an zwei Geldautomaten ertappt. In Wohnungen der Straftäter, die auch in Sant Joan, Cales de Mallorca, Santanyí, Petra und Sant Llorenç aktiv waren, entdeckten die Beamten gestohlene Karten und „Handwerkszeug” für die Betrugsmasche.

Vor Leichtsinn können die Beamten nur warnen. „Die Betrüger sehen auch aus wie Touristen, die meisten Opfer schöpfen deshalb keinen Verdacht”, sagt ein Polizeisprecher.

Ein geschicktes Ablenkungs-Manöver nutzen Diebe auch gern in Supermärkten. MM-Leserin Britt Heinz wurde in Campos zum Opfer: „Eine Frau fragte mich nach Produkten, die im Regal standen. Als ich mich mit ihr unterhielt, nutzte ein Komplize meine Unaufmerksamkeit, riss meine Handtasche aus dem Einkaufswagen und rannte weg.”

Die Deutsche reagierte gemeinsam mit dem Verkaufspersonal. Sie erstatteten nicht nur Anzeige bei der Guardia Civil, sondern hielten bis zum Eintreffen der Beamten auch die Frau fest, die Britt Heinz ins Gespräch verwickelte.

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