Die Glosse

Alzheimer und andere Gebrechen / VON GABRIELE KUNZE

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Es ist heiß, und ich fahre hoch in den Norden der Insel, um einen Interviewpartner zu sehen. Ich bin dort schon einmal gewesen und erinnere mich, dass die Adresse schwierig zu finden, dass ein Parkplatz nicht vorhanden war. Also fahre ich rechtzeitig, parke und suche. Schließlich finde ich die Straße. An einem Haus steht eine freundliche ältere Dame in der Tür, die mir auffordernd und einladend zunickt. Hier also muss es sein.

Wir begrüßen uns, freundlich, fast vertraut. Wir sprechen über das Wetter, die Kinder, das Leben an sich. Ich frage nach den neuesten Ereignissen, nach der Arbeit, nach dem Alltag. Und bekomme viele Antworten. Dann fragt mich die Dame „und was führt Sie hierher?” und ich versichere, eine Verabredung mit ihrem Mann zu haben.

Ich werde ins Haus gelotst, sie bietet mir Kaffee an. Als ich den Eingangsraum betrete, wird mir klar: hier bin ich falsch, das ist gar nicht das Haus, in dem ich verabredet bin. Als ich gerade hinter meiner liebenswürdigen Gastgeberin herstürzen will, betritt ein junger Mann den Raum und sagt: „Da hat also meine Großmutter wieder einmal jemanden von der Straße aufgelesen. Sie dürfen es nicht übel nehmen. Sie hat Alzheimer.”

Wir lachen und lachen noch mehr, als die Großmama wieder hereinkommt. Auf einem Tablett steht ein Kännchen Kaffee, zwei Tassen, sie deckt den Tisch und sagt – mit leichtem Vorwurf – zu ihrem Enkel: „Wen hast Du denn da wieder mitgebracht, so ganz ohne Ankündigung?”

Wir trinken Kaffee, alle gemeinsam, ich danke und gehe. Ich spreche mit meinem Interviewpartner, absolviere noch einen weiteren Termin ganz am andern Ende des Dorfes. Später kehre ich zu Fuß zu meinem Parkplatz zurück. Kein Auto. Auch nicht nach längerem Suchen.

Der Zufall meint es gut mit mir. Ich treffe den Enkel der Alzheimer–Dame, schildere mein Problem.„Sie müssen nicht erschrecken”, sagt er. „Die Polizei greift hart durch bei uns. Wer schlecht geparkt hat, wird abgeschleppt. Das passiert hier oft.” Er bittet mich erneut ins Haus, telefoniert mit dem Dorf-Sheriff und erfährt, dass den ganzen Tag über noch kein Wagen abgeschleppt worden ist. Ratlosigkeit macht sich breit. Und bei der erneuten Suche stellt sich heraus: Mein Auto steht in der Parallelstraße. Genau da, wo ich es abgestellt habe. Wie war das mit Alzheimer?

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