Die Glosse

Rein in die niederen Vergnügungen / VON GABRIELE KUNZE

Besuch ist im Haus. Samt Kind und Kindeskind. Die ganze Familie ist zum ersten Mal auf Mallorca und entsprechend neugierig. Man hat sich informiert vor Antritt der Reise, und ist nun entsprechend unternehmungslustig. „Wann fahren wir nach Marineland”, fragen die Kinder. „Und wann zum Westernpark?” Sie reden begeistert von Delphinen und Wasserrutschen, von Papageien und Westernshows. Außerdem wollen sie dorthin, wo die Piraten miteinander kämpfen. Das Spektakel, so wissen sie bereits, finde in einem großen Zelt statt.

Die Großeltern bestehen darauf, einmal den Nostalgie–Zug nach Sóller zu benutzen, danach mit der Straßenbahn weiter bis zum Hafen zu fahren und im Anschluss eine Pferdekutsche nach Fornalutx zu mieten. Das, so werde ich belehrt, sei immerhin das schönste Dorf der Insel.

Die Mama will unbedingt zum Shopping nach Palma. Keine Stadt habe schließlich ein so umfassendes Angebot an Mode, Schuhen und Taschen zu bieten. Natürlich will sie sich bräunen, was das Zeug hält. Am Strand, auf dem Tretboot, beim Tennis. Immerhin soll die vermeintlich gesunde Hautfarbe einen ganzen regnerischen Sommer in deutschen Landen überdauern.

Der Papa möchte einmal den berühmten Ballermann 6 unsicher machen. Nicht nur so zum Anschauen, nein, mitmachen ist angesagt. Bis spät in die Nacht. „Wir können uns ja dann ein Taxi nach Hause nehmen”, beruhigt er mich, „egal, was es kostet.” Und er träumt vom Ballonfahren, von Jeep–Safaris, sieht sich schon als eine Mischung aus James Bond und John Wayne.

Ich höre mir alles an und verziehe mein Gesicht. Ich, die ich hier seit Jahren lebe, ich, die ich die Insel kenne, soll all diesen Urlaubs–Mist mitmachen, denke ich. Ich bin mir doch längst zu fein für diese niederen Vergnügungen. Mein Selbstwert steht weit über dem eines ganz normalen Touristen. Doch ich kann sie nicht bremsen. So unternehmen sie, was sie unternehmen wollen.

Jeden Abend, wenn sie nach Hause kommen, sehe ich strahlende Gesichter, höre ich angeregte Gespräche über das, was sie am Tag erlebt haben. Sie erzählen von Delphinen und Papageien, von den Bergen um Fornalutx, von der Fröhlichkeit am Ballermann. Und ich beschließe: Morgen gehe ich mit den Kindern nach Marineland und Eisessen am Strand und Tretbootfahren und...

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