Die Glosse

Und was machen sie damit? Ausziehen. / VON GABRIELE KUNZE

,,Ya están”, sagt mein Freund Jaume, nachdem er nach vielen Wochen wieder einmal in Palma war. ,,Sie sind schon da!” Jaume verlässt sein heimatliches Bergdorf nicht oft. Palma ist für ihn fast gleichbedeutend mit ,,Ausland”. Dort, in der großen Stadt, leben lauter Leute, mit denen er wenig bis gar nichts anfangen kann. ,,Forasteros” und ,,extranjeros”. Leute, die auf dem spanischen Festland geboren sind oder aus einem anderen Land kommen. Beide sprechen eine Sprache, die er entweder nicht versteht oder nicht verstehen will. Wobei das Wort ,,Sprache” hier durchaus als Metapher verstanden werden sollte und nicht nur mit dem Idiom zu tun hat. Die einen sind meinem Freund Jaume so suspekt wie die anderen.

Dass auch ich eine ,,extranjera” bin, hat er entweder vergessen oder will es (nicht mehr) zur Kenntnis nehmen. Wir sind einander seit Jahren vertraut. So erfahre ich immer mal wieder, was Jaume in der großen, weiten Welt, in der ,,Hauptstadt” erlebt. Es ist ihm dort zu laut, zu hektisch, alles geht viel zu schnell. So viele Autos! So viele Geschäfte! Und erst die Preise! Dabei sind das lauter Sachen, die kein Mensch braucht, meint Jaume. Ein Paar Schuhe für den Winter, ein weiteres für den Sommer sind mehr als genug.

Und außerdem: Wer nicht friert, wer ein gemütliches Bett hat und genug zu essen, der ist doch eigentlich rundum privilegiert. Wozu muss man da noch Dinge kaufen, die sowieso nur herumstehen und keinen Zweck erfüllen. Ich habe mehrmals versucht, mit Jaume darüber zu sprechen, dass ein weiteres Buch, ein besonderes Essen, ein modisches Kleid oder ein ausgesuchter Pullover einfach Spaß machen können. Von großen Autos, Yachten oder Golfkleidung habe ich nicht gesprochen.

Jaume wird bei diesen Gesprächen sehr leicht ungeduldig. Seiner Meinung nach müsste ich längst begriffen haben, dass man keine Pflanzen für den Garten kauft, wenn es doch Ableger gibt, dass man in einem großen Auto genauso von einem Fleck zum anderen kommt wie in einem kleinen, dass man von jedem Essen eben einfach nur satt wird. Und dass man niemals mehr als nur ein Kleidungsstück tragen kann. ,,Ich verstehe das nicht. Da kaufen diese Fremden all diese Klamotten. Und was machen sie damit? Sie ziehen sie aus!” Heute stellte ich fest, dass die meisten in Palma die Klamotten schon aushatten. ,,Ya están”, sagt Jaume. Und meint damit die Halbnackten.

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