GLOSSE

Fräulein Kerner und das Briefeschreiben / VON GABRIELE KUNZE

Fräulein Kerner – sie besteht trotz ihrer 83 Jahre auf dieser Anrede – hat viel Zeit. Familie gibt es nicht mehr, Kinder hat sie niemals gehabt. Der einst große Freundeskreis wurde im Laufe der letzten Jahre immer kleiner. Fräulein Kerner ist viel allein.

Mit den wenigen noch verbliebenen Freunden hält sie ganz bewusst engen Kontakt. Das Telefon mag sie nicht besonders. Schließlich darf man mit 83 Jahren auch ein bisschen schwerhörig sein. Also schreibt Fräulein Kerner Briefe. Und macht es zum Ritual. Steht ein Brief an, fährt sie in die Stadt, um Briefpapier zu besorgen. Sie kennt die Läden, die besonders schönes Papier, manchmal sogar handgeschöpft, führen. Sie wählt sorgfältig aus, auf die Person, auf den Anlass abgestimmt. Dann geht sie noch in ein Café, um der Angelegenheit einen angemessenen Abschluss zu geben. Und sie hat das Gefühl, dass ihr Tagwerk vollbracht ist. Am nächsten Tag bereitet sie ihren Schreibtisch vor, kauft möglicherweise noch ein paar frische Blumen für die Vase. Dann schreibt sie. Mit abgemessenen Bewegungen. Mit sorgfältiger Handschrift. Mit langen Pausen zum Nachden- ken. Fräulein Kerner teilt nicht nur die wichtigsten Ereignisse mit, sondern auch ihre Gedanken, Reflektionen. Sie sagt ihre Meinung und wünscht einen entsprechenden Kommentar ihres Briefpartners.

Dann wird der Briefumschlag sorgfältig beschriftet. Fräulein Kerner geht zur Post, kauft eine Marke, steckt den Brief in den Kasten. Dann seufzt sie und stellt sich vor, wie ihr Brief viele tausend Kilometer reist, wie er ankommt, wie er aufgerissen und gelesen wird. Von diesem Augenblick an wartet sie auf Antwort.
,,Mein Leben hat sich verändert, seit es E–Mail gibt”, sagt meine Freundin Sabine. Sie ist knapp fünfzig Jahre jünger als Fräulein Kerner und stürzt jeden Abend, wenn sie nach Hause kommt, an den Computer. Erscheint keine E–Mail auf dem Bildschirm, ist für sie der Tag gelaufen. ,,Ich antworte immer”, sagt sie, ,,es ist praktisch, schnell und bequem. Und irgendwie ist man doch mit denen verbunden, die weit weg sind.” In Düsseldorf findet im März ein SMS–Literaturwettbewerb statt. Die einzelnen Beiträge dürfen 160 Zeichen nicht überschreiten. Als ich Fräulein Kerner davon erzählte, schwieg sie lange. Dann sagte sie: ,,Immerhin kann man 32mal das Wort Liebe schreiben.”

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