DIE GLOSSE

Warum ich diesen Silvester zu Hause bleibe / VON GABRIELE KUNZE

Alleine bleiben wollten sie am Silvesterabend nicht. Aber sie hatten auch versäumt, jemanden einzuladen oder irgendwo eingeladen zu werden. Sie wuss-ten nicht recht, wohin mit sich. Was lag also näher, als sie mitzunehmen?

Die Freunde, bei denen ich eingeladen war, hatten ein großes Fest organisiert. Auf zwei Leute mehr würde es nicht ankommen, und Freunde von mir waren oh-nehin immer willkommen.

Doch es ging schief. Die beiden hatten beachtlichen Zwist miteinander. Kurz nach Mitternacht machte er sich auf, um alte Kumpels zu treffen. Sie heulte, wollte nur noch nach Hause. Auf dem Weg dorthin änderte sie ihre Meinung: ,,So können wir doch nicht das neue Jahr beginnen.” Sie wollte in seiner Nähe sein. Verständlich, aber schwierig durchzuführen. Also muss man sie fahren. So fand ich mich denn ge-gen ein Uhr morgens im absoluten Verkehrsstau auf dem Passeig Maritim. Rings herum fröhliche Menschen, die auf das Neue Jahr anstießen. Im Auto war die Stimmung ge-drückt. Die Freundin fühlte sich schuldig, der Mann an meiner Seite moserte, ich war sauer. Prosit Neujahr! Silvester ist ein schwieriger Abend. Da sehen sich Menschen plötzlich damit konfrontiert, dass die Nachbarn, bei denen sie zum fröhlichen Fest eingeladen sind, den ganzen Abend vor dem Fernseher verbringen. Um nicht zu verpassen, wann die Glocke zwölf schlägt. Andere werden im Nobelrestaurant just neben einem Tisch platziert, an dem sich eine Herrenrunde pausenlos schlüpfrige Witze er-zählt.

Ganz arm dran waren vor einigen Jahren Nachbarn, bei denen kurz vor Mitternacht ein Wasserrohr brach. Auch Stromausfall ist zu diesem Zeitpunkt schlimmer als sonst.

Vor allem zu Silvester hört man an verkohltem Braten, verkochtem Fisch, klemmenden Sektkorken, umgekipptem Wein oder feucht gewordenen Knallern, die beim Anzünden nur noch ein müdes Pffff von sich geben. Zu Silvester sind Großmütter und Tanten schon gegen 23 Uhr müde, Kleinkinder bekommen einen plötzlichen Schnupfen, und der zwar noch geduldete, aber schon ungeliebte Lover hat einen unvermuteten, aber heftigen Allergieschub, oder der Hund kriegt einen hartnäckigen Schluckauf.

Den Beginn eines neuen Jahres will man auf ganz besondere Weise verbringen. Der Abend soll einem in guter Erinnerung bleiben. Erfahrungsgemäß klappt das (fast) nie. Ich werde in diesem Jahr zu Hause bleiben.

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