Die Uhr des Rathauses von Palma schlägt am langsamsten

Wer ihr lauscht, bekommt alle zwölf Trauben runter / Bräuche zum Jahreswechsel

Von Josep Moll Marquès
Mag sein, dass die Mallorquiner Angst haben, alt zu werden. So könnte man es zumindest aus der Tatsache schließen, dass sie eigentlich nicht gerne daran erinnert werden, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist. Und vielleicht deshalb hat man früher den Geburtstag nicht besonders gefeiert, sondern den Namenstag.

Sicher, das hing auch mit der Religiosität der alten Mallorquiner zusammen, denn der Namensheilige ist ja unser Schutzpatron im Himmel, und der muss entsprechend gewürdigt oder vielleicht auch bei Laune gehalten werden. Aber daran erinnert zu werden, dass man schon wieder ein Jahr älter geworden ist, das mögen die Mallorquiner sowieso nicht besonders.

Selbstverständlich wird auch der beim Geburtstag ausgesprochene Wunsch nach langem Leben mit ,,Molts d'anys!”, also ,,auf viele Jahre” formuliert. Aber der Kommentar des so Angesprochenen ist normalerweise nicht fröhlich oder optimistisch, sondern lautet fast unweigerlich, ganz egal, wie jung man noch ist: ,,Tornam vells!”, ist also ein resignierendes ,,Wir werden alt!”.

Bei dieser Einstellung ist es deshalb auch nicht verwunderlich, dass der Be-ginn eines neuen Jahres nicht zu den traditionellen großen Feiern der Mallorquiner gehörte. Das ist eine der vielen importierten Neuerungen der ach so bekrittelten, aber schließlich doch so gern und ge-nüsslich übernommenen Usancen der modernen Konsumgesellschaft, die es den neuen Mallorquinern erlauben, ihre neugewonnene Kaufkraft zur Schau zu stellen. Des kargen Daseins ihrer Vorfahren überdrüssig, spüren sie den Drang, mit ihrem sauer verdienten Wohlstand zu protzen. Und das kann man mit diesen neuen Moden wunderbar bewerkstelligen, auch wenn ihre Ausdrucksformen nicht zu unseren Traditionen und schon gar nicht in unsere Landschaft passen.

Das ging schon mit dem Weihnachtsbaum an, der bis vor wenigen Jahrzehnten auf Mallorca völlig unbekannt war und nunmehr fast in jedem Haus die Krippe ersetzt hat. Es ist ja auch viel einfacher, den Baum aufzustellen und zu schmücken, als mit viel Zeitaufwand und Liebe die Bethlehem–Landschaft zu gestalten, die der typische, mallorquinische ,,Betlem” erfordert. Und so nadelt auch der Weihnachtsbaum in den Wohnzimmern aller Mallorquiner über die ganzen Feiertage bis zu den Heiligen Drei Königen still dahin. Es sei denn, sie hätten bereits den künstlichen Weihnachtsbaum entdeckt, was schon oft der Fall ist.

Aber am Anfang, als die Mallorquiner den komischen Baum durch die Fernsehbilder kennenlernten und diese exotische Sitte nachahmen wollten, da griffenn sie zu dem, was sie zur Hand hatten, nämlich zu einem gewöhnlichen Pinienbaum. Die gekrümmte und ge-quälte Form eines Pinienbaumes konnte man jedoch gar nicht mit der ebenmäßigen Gestalt einer Fichte vergleichen. (Dass es auch Tannen oder gar Silbertannen gibt, das wissen die Mallorquiner, Gott sei Dank, noch nicht.) Also mussten Fichten her. Die Marktlücke war schnell entdeckt, und so gibt es heute auf der ganzen Insel Fichten aus den Pyrenäen zu kaufen, die meistens unbeholfen dekoriert und nach den Feiertagen achtlos weggeworfen oder durch Verbrennung entsorgt werden.

Was spielt es für eine Rolle, dass die Fichte gar nicht in unsere Breitengrade passt? Schön sieht sie aus, wenn sie so voller bunten Glaskugeln und Lametta hängt. Dass früher am Weihnachtsbaum auch Süßigkeiten für die Kinder hingen, das wissen die Mallorquiner sowieso nicht, denn der Brauch kam nicht direkt aus Deutschland, wo er gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstand, sondern auf den Umweg über die USA, über den inwischen so viele Sachen kommen, dass man keine Zeit und keine Lust hat, den Sinn oder den Unsinn, der da-hinter steckt, zu erforschen.

So ist es auch mit der Silvesterfeier gekommen. Na-türlich weiß hier keiner, dass diese Nacht in Deutschland so heißt, und man kann sich auch vorstellen, dass es inzwischensogar viele Deutsche gibt, die nicht wissen, dass sie deswegen so genannt wird, weil am 31. Dezember der Tag des Heiligen Silvesters ist. In Spanien heißt die Heilige Nacht ,,Nochebuena”, die gute Nacht, und der Altjahrsabend, wie man in Deutschland auch sagt, die ,,Nochevieja”, die alte Nacht. Von einem Heiligen Silvester haben die wenigsten was gehört.

Und im katalanischen Sprachraum wäre ohne den starken Einfluss des Spanischen jeder Bezug auf die Feiertage verloren gegangen, denn der Altjahrsabend heißt auf Katalanisch ,,Cap d'Any”. Auch ohne die Sitte des Bleigießens zu kennen oder zu pflegen, schaut man also hier mehr in die Zukunft als in die Vergangenheit, denn ,,Cap d'Any” heißt ja Jahresanfang oder, wortwörtlich übersetzt, Kopf des Jahres. Und warum sollte man den Beginn eines neuen Jahres nicht gebührend feiern?

Also kleidet man sich feierlich und geht ins Restaurant, wo viele andere Protzgenossen genauso sehnsüchtig darauf warten, für teures Geld nicht nur ein Abendessen, sondern auch möglichst viel Frohsinn serviert zu bekommen. Dass man Frohsinn auch um-sonst haben kann, wenn man ihn im Herzen zu tragen weiß, das haben die meisten schon verlernt.

Also auf geht's ins ,,Cotillón”! Auch das eine importierte Sitte, diesmal aus Frankreich, allerdings nach einer gebührenden Sinnesänderung, denn ,,Cotillon”, auf Französisch ohne Ak-zent, war ursprünglich ein Gesellschaftstanz, der nicht nur zu Silvester, sondern das ganze Jahr über getanzt wurde. Eigentlich be-herrschte dieser Tanz im 18. Jahrhundert die Ballsäle vor allem in Frankreich und Spanien und gestaltete sich immer mehr zu einem ausgelassenen Tanz von mehreren Paaren, an dessen Ende der Kavalier der Da-me, mit der er getanzt hatte, ein Geschenk überreichte. Eine Form der Galanterie, die bei den Franzosen, die angeblich ,,l'amour” erfunden haben, zu einer erneuten Sinnesänderung ge-führt hat, denn ,,aimer le cotillon” ist heute auf Französisch ein geflügeltes Wort, das so viel bedeutet wie ,,den Weibern nachrennen”.

So stürzen sich die Mallorquiner also in der Silvesternacht zwar nicht auf die Weiberverfolgung, denn meistens bringen sie das eigene gleich mit, aber doch auf die sehnsüchtige Er-wartung der geschichts-trächtigen Stunde, in der die Uhr Mitternacht schlägt und also den historischen Übergang von einem Jahr zum nächsten verkündet. Damit die Belanglosigkeit des Augenblicks nicht so sehr auffällt, hat sich irgendjemand irgendwann etwas einfallen lassen, was heute zum unerlässlichen Ritual dieser Feier geworden ist und was die meisten Deutschen, für die Spanier unverständlicherweise,nicht kennen, nämlich das Traubenessen.

Ob das eine typisch spanische Komponente der Silvesterfeier ist, oder ob es auch aus Amerika zu uns kam, ist nicht mehr eindeutig festzustellen. Auf jeden Fall hat es damit folgende Bewandnis: Sobald die Uhr anfängt, die zwölfte Stunde zu schlagen, muss man versuchen, so schnell wie möglich zwölf Trauben zu essen. Man muss sich dabei einen Wunsch ausdenken, denn wenn man beim letzten Glockenschlag die zwölf Trauben gegessen hat, dann wird dieser Wunsch im neuen Jahr in Erfüllung gehen.

Gegessen – oder zumindest in den Mund gesteckt hat, müsste man sagen. Denn die Aufgabe ist gar nicht so leicht. Deshalb, und weil man will, dass die Gäste zufrieden heimgehen, hat man sich verschiedene Erleichterungen ausgedacht. Früher bekam jeder eine Dolde mit zwölf Trauben in die Hand gedrückt und musste also die einzelnen Trauben reißen und in den Mund stecken. Das nahm aber zu viel Zeit in Anspruch, und so kriegt man heute eine kleine Tüte mit den vereinzelten Trauben, womöglich auch noch entkernt, damit sie notfalls ganz geschluckt werden können. Und dann sucht man sich auch noch die Uhr, die die Glockenschläge am langsamsten bringt.

Früher, als Spanien noch ein zentralistischer Staat war, blickte ganz Spanien auf die Uhr der Puerta del Sol in Madrid, denn das spanische Fernsehen übertrug natürlich von dort aus die Glockenschläge. Aber diese Uhr ist verhältnismäßig hektisch, und so kann man froh sein, dass man heute eine größere Auswahl hat, denn sowohl das katalanische als auch das valencianische Fernsehen übertragen die Glockenschläge von echt katalanischen bzw. valencianischen, im Falle von Katalonien vielleicht sogar nationalistischen Uhren. Aber die gehen nicht notwendigerweise anders und schlagen auch nicht langsamer.

Deshalb hören Sie lieber auf den Rat der Erfahrung und schalten Sie auf Mallorca eines der lokalen Fernsehsender ein. Denn die übertragen die Glockenschläge der Uhr des Rathauses von Palma. Und als echt bodenständige, urgemütliche mallorquinische Uhr schlägt sie garantiert am langsamsten. So können Sie das Jahr in dem beruhigenden Gefühl beginnen, dass Ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird.

Und wenn Sie noch so schlau sind und Silvester im eigenen Hause im Kreise der Familie und der besten Freunde feiern, dann beginnen Sie das Jahr auch mit der beglückenden Erkenntnis, dass man Sie nicht gleich zum Jahresbeginn übers Ohr gehauen hat. Denn die Gastwirte wollen verständlicherweise die Aufbruchstimmung zur Abrundung der Betriebsbilanz nutzen und verlangen beherzt fürstliche Preise für ihre Leistungen.

Das wird wohl diesmal, wo wirklich ein neues Jahrhundert und ein neues Millennium anfangen, nicht so schlimm ausfallen wie im letzten Jahr, als mancher mit der Ausrede des angeblichen und verfrühten Jahrtausendwechsels zum Teil 90.000 Pesetas für ein Abendessen kassierte, das man am nächsten Tag für ein Zehntel dieses Preises haben konnte. Aber dennoch bleibt gerade in diesen Tagen die alte Empfehlung an die Verbraucher, nicht nur Preise, sondern auch Preis–Leistung–Verhältnisse zu vergleichen, gültiger denn je.

So kann man auch die letzte Hürde dieses vor Weihnachten begonnenen Feier–Marathons, nämlich das Fest der Heiligen Drei Könige, frohen Mutes nehmen. Das Fest der Illusionen, nennt man es in Spanien, weil es das Fest der kindlichen Gutgläubigkeit par excellence ist. Da sind wieder die Kinder die ei-gentlichen Protagonisten des Festes, wie in der guten alten Zeit, als sie die einzigen Empfänger von Ge-schenken waren, die ihnen die Heiligen Drei Könige brachten, was auch eine Logik hat, denn sie waren es auch, die dem Christkind ihre Gaben gebracht haben.

Aber das hatte einen Ha-ken: Zwei Tage später begann wieder die Schule, und die armen Kinder hatten kaum noch Zeit, sich mit ihrem neuen Spielzeug auszutoben. Also hat man auch bei uns die Sitte importiert, die Geschenke schon zu Weihnachten zu überreichen. Und wenn schon nicht mehr nötig war, den Beschenkten vorzugaukeln, die Gaben kämen nicht von den Eltern, sondern von den Heiligen Drei Königen, warum sollten dann nicht auch die Er-wachsenen beschenkt werden? So haben wir kurzentschlossen diesen neuen Schritt zur kulturellen Integration in Europa getan und weiteren Traditionsballast über Bord geworfen.

Aber bedauern Sie uns bitte nicht: Wir fühlen uns puddelwohl dabei. Schließlich ist Mallorca ein Vorreiter der europäischen Integration. Oder?

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