Ein Fest des Glaubens und der Gaumenfreuden

Vom alten Geist und Brauchtum

Man könnte fast meinen, das Weihnachtsfest sei völlig überholt und habe keinen Sinn mehr, zumindest als allgemeine Feier. Was soll noch die Geschichte über die Geburt des Gottessohnes in einer Welt, in der die Ungläubigkeit grassiert? Aber wir Menschen sind nun mal Gewohnheitstiere, und die Gottlosigkeit ist immer relativ, wie die spontane Reaktion eines Agnostikers beweist: Als er gefragt wurde, welcher Religionsgemeinschaft er angehöre, antwortete er zwischen entrüstet und erleichtert: ,,Ich bin Atheist, Gott sei Dank!”

Früher hatte die Feier mindestens einen doppelten Sinn. Erstens und vor allem, weil die Menschen zutiefst gläubig waren, und es ihnen ein Bedürfnis war, die Geburt des Erlösers gebührend zu feiern. Sie hatten ja auch allen Grund dazu, denn die Lage der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung war nicht gerade beneidenswert. Sie konnten zufrieden sein, wenn sie halbwegs regelmäßig den Bauch voll kriegten und mehr schlecht als recht überleben konnten, und wenn da einer auf die Welt kam, der sie davon erlösen sollte, dann war das wohl Grund genug zum Feiern.

Zum Zweiten aber durfte gefeiert werden, weil das Weihnachtsfest die Gelegenheit bot, für einige Tage die Wartezeit angenehmer zu gestalten, bis die Erlösung, die bereits fast 2000 Jahre auf sich warten ließ, endlich kam. Mit anderen Worten: Früher war das Weihnachtsfest zwar auch ein Fest des Glaubens, vor allem aber war es ein Fest des Gaumens. Zu Weihnachten wollte sich keiner lumpen lassen: Die Speisekammer wurde weit aufgesperrt, und besonders auf dem Lande war es üblich, jeden, der ins Haus kam, fürstlich zu bewirten, denn Weihnachten war auch ein Fest der Geselligkeit und der Brüderlichkeit.

Heutzutage sind alle diese Begründugen entfallen. Die gläubigen Menschen werden immer weniger, die Hungernden in unseren Breitengraden (Gott sei Dank!) auch, und die Geselligkeit hat zumindest andere Formen angenommen, die immer mehr das Gefühl einer Summe von isolierten, höchstens nebeneinanderstehenden Einzelnen und immer weniger die Freude eines echten, freudig empfundenen Miteinanders vermitteln. Aber mit den Festen geschieht wie mit den Steuern– oder Preiserhöhungen: Einmal eingeführt, werden sie nicht wieder zurückgenommen. Also feiert man Weihnachten – sozusagen auf Deubel komm raus! Sicher, viele Menschen bedauern die Überkommerzialisierung. Aber auch sie können sich dem Sog nicht entziehen, der die Allgemeinheit ergreift und in ein Einkaufsfieber stürzt. Wen wundert es, dass danach der Umsatz im Einzelhandel das einzige Kriterium für ein gutes oder schlechtes Weihnachtsfest ist. Sind sie im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, war das Weihnachtsfest gelungen und unter Umständen sogar die Jahresbilanz gerettet. Sind sie gleich geblieben oder gar schlechter gewesen, dann ertönt das alte Klagelied des vermeintlichen Untergangs des Einzelhandels.

Nur die wenigsten beklagen den Untergang des Weihnachtsfestes. Und kaum einer hat die Muße, darüber nachzudenken, ob es sich lohnt oder nicht, den alten Geist wieder aufleben zu lassen. Viel Sinn würde es auch nicht haben. Aber vielleicht ist es nicht falsch, sich bewusst zu werden, welche Veränderungen in der Einstellung zum Fest stattgefunden haben.

Auf Mallorca jedenfalls sind sie gewaltig. Es ist gar nicht so lange her, dass das Weihnachtsfest ein besinnliches Familienfest war, wobei man den Begriff Familie in diesem Fall sehr weit fassen muss, besonders auf dem Lande. Der Betrieb eines Bauernhofs war die Aufgabe einer Gemeinschaft, die alle Mitglieder des Arbeitsteams, wie man heute sagen würde, umfasste, aber patriarchalisch und hierarchisch aufgebaut war. Sie gehörten alle dazu, vom Pächter des Bauernhofs bis zum letzten Knecht, aber jeder hatte seine Aufgabe und seinen zugewiesenen Platz in der Rangordnung der Gemeinschaft: Der ,,Oguer” kümmerte sich um die Stuten, der ,,Porquer” war der Schweinehirt und der ,,Pastor” der Schafhirt, der ,,Pareier” pflügte mit einem von zwei Mauleseln oder zwei Ochsen gezogenen Pflug, und die ,,Missatges” waren die Bauernknechte.

Sie alle kamen am Heiligen Abend zusammen in der großen Küche des Bauernhauses, wo die Pächterin, ,,sa Madona”, den ganzen Tag gearbeitet hatte. Im Kamin brannte das Feuer, und so wie die Arbeiter vom Feld kamen, setzten sie sich auf den Bänken um die Feuerstelle unter der großen Kaminglocke und plauderten angeregt, bis sie alle und vor allem der Pächter, ,,l'Amo”, da waren und mit dem Abendessen begonnen werden konnte.

Vor allem wenn Kinder da waren, war es Sitte, im Kamin einen riesigen Holzscheit brennen zu lassen, den ,,Tió de Nadal”, der normalerweise ein dicker Stamm eines Olivenbaumes war, möglichst mit Höhlungen, in denen die ,,Madona” den ,,Torró” versteckte. Die Kinder schlugen den Scheit mit Stöcken, während sie sagten: ,,Tió, caga torró!”, eine zweifellos derbe Aufforderung an den Holzscheit, ,,Torró” zu kacken. Den Holzscheit hatten die Kinder tags zuvor reichlich mit Sägespänen ,,gefüttert”, damit er am Heiligabend möglichst viel ,,Torró” hergeben konnte, was dadurch geschah, dass die ,,Madona” die versteckten Süssigkeiten herausholte, bevor sie vom Feuer verzehrt wurden.

Der große Festtagsschmaus fand aber am Mittag des ersten Weihnachtstages statt. Der Höhepunkt der Heiligen Nacht hingegen war der obligate Besuch der Christmette, der alles beiwohnte, was nicht krank oder zu alt oder zu jung war, so dass man ruhig sagen kann, dass bei dieser Mitternachtsmesse alle Kirchen Mallorcas bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Vor dieser Mitternachtsmesse wird auf Mallorca noch heute die ,,Sibil—la” gesungen, ein prophetisches Lied, das ein Überbleibsel einer uralten religiösen Dramaturgie ist. Der Name des Liedes steht tatsächlich mit den altgriechischen Wahrsagerinnen in Verbindung, die Sibyllen genannt wurden. Der Text soll von einem Akrostichon stammen, das der Sibylle von Erythrä zugeschrieben wird.

Im Mittelalter wurde in den Kirchen noch oft statt der Predigt ein Schauspiel vorgeführt, und in der Heiligen Nacht bestand dieses Schauspiel darin, dass alttestamentarische Propheten, aber auch andere Berühmtheiten wie etwa Vergil und eben auch eine Sibylle die Ankunft des Messias ankündigten. In ihrem Part kündigte die Sibylle die Ankunft Jesus Christi als Weltenrichter an sowie die Zeichen, die dem Weltuntergang vorausgehen würden. Bereits im 10. Jahrhundert wurde dieses Schauspiel in den Kirchen von Italien, Frankreich, Kastilien und Katalonien vorgeführt, zunächst in lateinischer Sprache, aber ab dem 13. Jahrhundert in Katalonien in katalanischer Sprache. Mit der katalanischen Eroberung wurde diese Sitte nach Mallorca gebracht, und nur hier hat sie sich bis heute erhalten, selbst nachdem das Trienter Konzil die Vorführungen in den Kirchen verboten hatte. Außerhalb Mallorcas wird die ,,Sibil—la” nur noch in der Kathedrale von Alghero gesungen, einer kleinen Stadt im Norden Sardiniens, in der sich die katalanische Sprache erhalten hat. Das Lied in altkatalanischer Sprache wird normalerweise von einem Jungen gesungen, der mit einer Tunika bekleidet ist und ein Barett trägt. In den Händen hält er ein Schwert, mit dem er früher nach dem Absingen des Liedes eine Schnur durchtrennte, von der viele Oblaten hingen, die dann auf das gläubige Volk zum großen Vergnügen der Kinder herunterrieselten.

Was für die Deutschen die Weihnachtsgans ist, das ist für die Mallorquiner die Weihnachts–,,Porcella”, ein Spanferkel, das man früher mit einer Füllung stopfte, die aus Brotkrumen, Rosinen, Speckstückchen, ,,Sobrassada”, geschälten Mandeln, Knoblauch, Zitronenschale und geschlagenen Eiern bestand. So zugerichtet, wurde das Spanferkel in den Ofen geschoben, bis die Kruste knackig war. Fast ebenso beliebt ist aber der Truthahn, den man mit Makkaroni kocht und der eine Brühe abgibt, bei der, wie man auf Mallorquinisch sagt, ,,els àngels hi canten”: Da singen die Engel dazu! Was aber das Weihnachtsfest ausmacht, sind die Süßigkeiten zum Nachtisch. Früher hat die Hausfrau auch die Süßigkeiten selber zubereitet, die überwiegend gemahlene Mandeln als Grundlage hatten. Mit Zuckerguss überzogen, oder zwischen zwei Oblaten als Mandeltorte, oder aber als klassischer ,,Torró”, die Mandelkuchen waren die Könige der gastronomischen Weihnacht.

Es ist also nicht verwunderlich, dass der ,,Torró” in vielen geflügelten Worten erscheint. So sagt man von einem Menschen, von dem man vermutet, dass er nicht lange in seinem Amt bleiben wird, er werde wohl in diesem Amt die ,,Torrons” nicht mehr essen. Oder aber auch: Wenn wir weiter so viel Geld ausgeben, werden uns die ,,Torrons”, also die Penunzen, bald ausgehen.

Früher war der ,,Torró” ausschließlich aus Mandeln oder höchstens aus Haselnüssen, Pinienkernen und Honig oder Zucker. Heute findet man ,,Torró” aus Schokolade, Trüffeln oder was auch immer, und neuerdings sogar getränkt mit Whiskey oder anderen ,,exotischen” Getränken. Das mag als Zeichen der Zeit oder sogar des Fortschritts ausgelegt werden. Aber man kommt nicht umhin, angesichts dieser Vielfalt an die Zeiten zu denken, in denen ein bescheidenes ,,Cuscussó” als himmlische Speise angesehen wurde.

Wie der Name schon sagt, ist der ,,Cuscussó” mit der kargen Speise verwandt, die die nordafrikanischen Bauernvölker als Kuskussu bezeichnen. Die Weihnachtsspeise, die man hier ,,Cuscussó” nennt, besteht aus Brotkrumen, geröstete Mandeln, Zimt, Rosinen und Zucker, alles gut gemischt und mit flüssigem Schweineschmalz übergossen. Aber heute wird man vergebens danach suchen.

Nach dem üppigen Essen musste man den ,,Betlem”, die Weihnachtskrippe bewundern, die die Kinder des Hauses oft mit der Hilfe des Familienvaters gebaut hatten. Die Sitte, Weihnachtslieder zu singen, war allerdings nicht sehr verbreitet, und ist heute im Zeitalter der Videorecorder sowieso nicht mehr ,,in”. Vielleicht war den alten Mallorquinern nicht sehr zum Singen zumute, denn am folgenden Tag begann schon wieder der vielzitierte Ernst des Lebens, sprich: die harte Last der Feldarbeit.

Die schöne Weihnachtszeit war sehr schnell zu Ende, und deshalb sagt man noch heute, wenn man die Kürze einer schönen Sache beschreiben will: ,,Ha durat de Nadal a Sant Esteve”, das hat von Weihnachten bis zum Stephanstag gedauert, der ja bekanntlich am 26. Dezember gefeiert wird. Aber wer denkt schon an Kürze, wenn wir heute danach trachten, die Annehmlichkeiten des Lebens über das ganze Jahr zu erweitern. Gesegnetes Weihnachtsfest!

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