Die Glosse

,,Mögen die reisen, die dumm genug sind / VON: GABRIELE KUNZE

Die einen reden von den ,,kostbarsten Wochen des Jahres”. Die anderen von ,,Schönen Ferien”, die wir uns angeblich verdient haben. Und wir alle unternehmen ungeahnte Anstrengungen, um möglichst viel, möglichst weit, möglichst aufregend – oder erholsam – zu reisen. Nicht alle sind der Meinung, dass reisen an sich schon schön sei. Besonders nicht die Schriftsteller.

Fontane schrieb: ,,Jetzt reist jeder und jede. Kanzlistenfrauen besuchen einen klimatischen Kurort am Fuße des Kyffhäuser, behäbige Budiker werden in einem Lehnstuhl die Koppe hinaufgetragen, und Mitlieder einer kleinstädtischen Schützengilde lesen bewundernd im Schlosse zu Reinhardsbrunn, dass Herzog Ernst in 25 Jahren 50.157 Stück Wild getötet habe. Sie notieren sich die imposante Zahl ins Taschentuch und freuen sich auf den Tag, wo sie in Muße werden ausrechnen können, wie viel Stück auf den Tag kommen.”

,,Mögen die reisen, die dumm genug sind”, spottete Alfred Döblin. Egon Friedell reiste kaum, weil er wusste: ,,Wenn ich zu Hause bleibe, habe ich drei Dinge, die mir keine Reise bieten kann: vollständige Ruhe und Ungestörtheit, meinen Lehnstuhl, der sich meinen Formen bereits liebevoll angepasst hat, und meine Phantasie.” Und Karl Kraus bekannte: ,,Ich war gereist, um noch unbekannte Quellen der Enttäuschung kennenzulernen und kehre befriedigt heim.” Dazu Hans Christoph Buch: ,,Das Reisen (ebenso wie das Essen, Trinken, Lesen, Lieben) beruht auf der Illusion, dass das nächste Land, das nächste Beefsteak, der nächste Drink, der nächste Roman oder die nächste Frau anders sein wird als alle vorhergegangenen.”

Alles nur Illusion? ,,Wenn ich daran denke, wie ich durch Beschreibungen von Reisen im Orient beschwindelt worden bin, könnte ich rasend werden”, schreibt Mark Twain. Und Friedrich Torberg in ,,Die Tante Jolesch”: ,,Am Land kann man nicht schlafen”, lautete eine von ihr geprägte Sentenz, die mit ,Land' ungefähr alles meinte, was nicht ,Stadt' war , und wo es zufolge zurückgebliebener Wohnkultur keine Nächtigungsmöglichkeiten gab.” Allerdings musste auch die Tante Jolesch zugeben: ,,Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders.” Um dorthin zu reisen, verabschiede ich mich für eine Weile. Danach halte ich es wieder mit André Heller: ,,Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in meinen Kopf, und sind sie nicht in meinen Kopf, dann sind sie nirgendwo.”

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