Grotesk

Der GESA-Skandal / Von Wolfram Seifert

In der 42. Spielminute, es stand 1:0 für Portugal, hatte das Leiden ein Ende. Denn bei mir zu Hause und in etlichen Nachbarhäusern fiel der Strom aus. Als er nach 65 dunklen Minuten wiederkam, war die Partie des Schreckens vorbei. Es blieb uns erspart, eine der größten Blamagen der deutschen Fußballgeschichte bis zum bitteren Ende mitzuerleben.

Die Situation bei uns in Calamaior am Dienstagabend war grotesk, so grotesk wie die auf dem Rasen von Rotterdam: Während wir 65 Minuten lang bei Kerzenlicht saßen, grüßten tausende Lichter von der Playa de Palma, Illetas und San Agustin herüber. Wir waren Opfer einer der vielen partiellen Stromabschaltungen geworden, durch die der Energiekonzern GESA die Versorgung der Insel in den letzten Tagen einigermaßen sicherstellen wollte.
(Ohne Rücksicht auf die Fußball-EM übrigens: Die TV-Übertragung des Spiels Spaniens gegen Jugoslawien am Mittwochabend war in grossen Teilen des Inselnordens und -ostens nicht zu sehen.)
Grotesk ist auch der GESA-Skandal, der sich von Tag zu Tag mehr offenbart. Seit der Monopolist privatisiert wurde, hat das Management offenbar in erster Linie nur noch die Gewinne, nicht aber mehr den steigenden Strombedarf, den erforderlichen Ausbau der Stromproduktion, die Modernisierung und Wartung von Anlagen und Netz im Auge gehabt.

Die Zeche zahlt der Verbraucher, der Stromausfälle bis zu zehn Stunden (!) hinnehmen musste. Und der verärgert rasche Konsequenzen fordert.
Dabei geht es nicht nur um technische, sondern vor allem auch um politische Entscheidungen.
Unsere Schwesterzeitung ,,Ultima Hora” plädierte für die Aufspaltung von GESA in zwei Betriebe, einer zuständig für die Stromproduktion und der andere für die Stromverteilung. Der wichtigste Vorteil: Bei der Verteilung könnte rasch Konkurrenz durch private Mitanbieter entstehen, die sich mit GESA das (einst vom Staat erstellte) Leitungsnetz teilen.

Konkurrenz bedeutet bekanntlich Druck, bedeutet Zwang zur Modernisierung, Zwang zur Effizienz. Erst politischer und dann Wettbewerbsdruck sind genau das, was GESA fehlt.

Vom Druck auf die Strompreise (man denke an den neuerdings brettharten Wettbewerb in Deutschland) ganz zu schweigen.

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