Mallorca-Wanderer Jürgen Trittin

"Die Insel ist der beste Kompromiss"

Jürgen Trittin auf der Plaça Constitució in Sóller.

Jürgen Trittin auf der Plaça Constitució in Sóller.

Foto: Foto: Patricia Lozano
Jürgen Trittin auf der Plaça Constitució in Sóller.Zurzeit nur einfacher Bundestagsabgeordneter: Jürgen Trittin während des Gesprächs mit MM.

Mallorca Magazin: Sie machen gerade zum wiederholten Male Wanderurlaub auf der Insel. Wie muss man sich einen typischen Mallorca-Wandertag des Jürgen Trittin vorstellen?

Trittin: Das kommt immer auf die Wanderung an, die Sie machen wollen. Wenn Sie zum Beispiel auf den Puig de Massanella rauf möchten, müssen Sie eher los. Ansonsten kann sich der Zeitplan auch schon mal nach dem Busfahrplan richten. Sóller, wo wir immer sind, gefällt mir unter anderem so gut, weil man von hier aus viele Wanderungen ohne Auto machen kann.

MM: Allgemein gefragt: Warum wandern Sie gerade auf Mallorca so gerne?

Trittin: Es gibt Inseln, die für Wanderer sicher ambitionierter und vielleicht spannender sind, wie zum Beispiel Korsika, was ich auch sehr gut kenne. Für Mallorca spricht die gute Erreichbarkeit und die Möglichkeit, relativ wettersicher wandern gehen zu können. Unter diesen Aspekten ist Mallorca sicher der beste Kompromiss, den man sich denken kann. Und man soll auch nicht glauben, dass es auf der Insel nicht schneit ...

MM: Haben Sie das selbst schon mal erlebt?

Trittin: Ja, ich habe schon mal den Puig Major mit Schnee gesehen. Der ist nicht lange liegen geblieben, morgens war er aber da.

MM: Haben Sie eine Lieblingsroute auf Mallorca?

Trittin: Das kann ich so nicht sagen. Die Strecke aber, die ich sicherlich am häufigsten gelaufen bin, ist die oberhalb von Deià, der Reitweg des Erzherzogs. Ich gehe dann noch weiter bis zum Teix und dort wieder runter.

MM: Was bedeutet Ihnen ganz grundsätzlich das Wandern?

Trittin: Ein Stück Entspannung, verbunden mit Bewegung. Man kriegt den Kopf frei und ist draußen in der Natur.

MM: Entspannung, Kopf frei bekommen, Bewegung und Natur-Erlebnis – so beschreiben auch viele Golfer die Motivation, ihren Sport auszuüben ...

Trittin: Ich weiß nicht, wie viel die sich bewegen, weil ich noch nie Golf gespielt habe. Ich kenne nur Minigolf und weiß, dass ich dafür zu ungeduldig bin.

MM: Bevor Sie auf Mallorca zur Wanderung aufbrechen, was packen Sie da auf jeden Fall in Ihren Rucksack?

Trittin: Was man immer dabei haben muss, ist eine Regenjacke und genügend Wasser zum Trinken. Auch ein wärmendes Teil ist wichtig, falls die Wetterprognose doch mal nicht stimmt. Und ein zweites T-Shirt.

MM: Kennen Sie das Gefühl, bei Wanderungen auf der Insel plötzlich nicht mehr weiterzukommen, weil irgendwelche Wege gesperrt sind?

Trittin: Es gibt sicher ein paar Probleme, zum Beispiel mit Grundstücken der Familie March, wo anscheinend selbst die Gerichte nichts machen können. Auch hier im Tal von Sóller kenne ich eine Strecke, die ich in den 90ern noch gelaufen bin, wo man heute offiziell nicht mehr wandern darf. Inzwischen hat der Besitzer alles verrammelt und nur Leute, die sich gut auskennen, wissen, wo man den Schlüssel bekommen kann ... Ich habe aber auch beobachtet, dass man sich in den vergangenen Jahren auf Mallorca immer mehr bemüht hat, Wege frei zu machen und zu markieren, was aber ebenfalls dazu führt, dass man auf manchen Strecken lange Zeit eingezäunt läuft. Das ist dann nicht ganz so schön.

MM: Finden Sie etwas ärgerlich am Wandern auf Mallorca?

Trittin: Das kann ich jetzt nicht sagen, ich bin ja gerne und oft hier. Abgesehen davon, dass es natürlich nicht schön ist, wenn man drei Stunden einen Weg gegangen ist, der in keinem Wanderführer erwähnt wird, und plötzlich vor einem Zaun steht.

MM: Dann darf man den ganzen Weg zurückgehen ...

Trittin: Oder man muss über den Zaun steigen ...

MM: Stichwort Wanderführer. Wenn ein neuer auf den Markt kommt, müssen Sie den sofort haben und lesen?

Trittin: Ich gucke mir die ganz gerne an. Aber zurzeit laufe ich nur mit Karte, weil ich hier alles schon so gut kenne. Dann findet man auch mal Wege, die nicht in den Wanderführern stehen.

MM: Werden Sie beim Wandern auf Mallorca eigentlich oft von anderen deutschen Wanderern erkannt und um Autogramme gebeten?

Trittin: Erkannt ja, aber Autogramme nein. Das ist bei den Wanderern nicht so. Man grüßt sich und gut ist’s.

MM: Aber heutzutage will doch jeder gleich ein gemeinsames Handy-Foto machen mit einem Promi, den er irgendwo trifft.

Trittin: Das kann Ihnen sicher hier auf dem Marktplatz von Sóller passieren, dass jemand ein Selfie machen will. Aber weniger beim Wandern.

MM: Wo wandern Sie denn noch, wenn nicht auf Mallorca?

Trittin: Wie gesagt, ich kenne Korsika gut, war auch schon mehrmals auf La Gomera. Beides ist sehr schön. Und dann kann man natürlich auch in den Schweizer Alpen gut wandern. Dort finden Sie natürlich höhere Höhen und andere Herausforderungen.

MM: Sie wissen sicherlich auch, dass Mallorca viel mehr ist, als eine reine Wanderinsel ...

Trittin: Ja, klar. Früher herrschte die Vorstellung vor, dass es nur den Balneario seis gibt. Aber man kann natürlich auch sehr schön baden hier, in einsamen Buchten, in manchen Jahren bis in den November hinein. Mein Bruder hat Mallorca auf dem Rad für sich entdeckt.

MM: Mal eine kulinarische Frage. Haben Sie ein typisch mallorquinisches Leibgericht?

Trittin: Ich esse den Bacalao auf Gemüse sehr gerne, so wie er hier zubereitet wird.

MM: Wie sieht es ansonsten mit dem Essen aus? Sie treiben Sport, machen einen fitten Eindruck. Ernähren Sie sich auch gesund?

Trittin: Ich bin jemand, der gerne kocht. Und ich behaupte, dass Menschen, die gerne kochen, sich gesund ernähren.

MM: Naja, das muss nicht unbedingt so sein ...

Trittin: Wenn man Wert auf Vielfalt legt, dann macht man nicht jeden Tag Pommes.

MM: Im Jahr 2010 erlitten Sie einen Herzinfarkt. Hat sich seitdem etwas in Ihrem Leben geändert?

Trittin: Nein. Ich habe damals schon viel Sport getrieben, kam gerade vom Wandern auf Gomera zurück und habe das alles relativ gut überstanden. Das Einzige, worauf ich seitdem achte, ist, dass ich länger schlafe. Ich habe nichts zurückbehalten, dank der Art der Behandlung und auch dank der guten Erstversorgung.

MM: Anders als in den zwei Jahrzehnten davor sind Sie seit letztem Jahr nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter der Grünen. Sie haben kein Ministeramt, keine Führungsposition in Partei oder Fraktion. Muss man Sie als politisches Auslaufmodell betrachten oder wollen Sie irgendwann nochmal in vorderster Reihe mitmischen?

Trittin: Als ich 2009 Spitzenkandidat war, haben wir Grünen das beste Wahlergebnis unserer Geschichte bekommen. 2013 immerhin das drittbeste. Danach habe ich erstmal für mich entschieden, dass 2017 im Wahlkampf andere in der ersten Reihe stehen sollten.

MM: Das heißt, wenn die Partei Sie doch nochmal als Spitzenkandidat haben wollte, stünden Sie nicht zur Verfügung?

Trittin: Das habe ich so gesagt und darauf kann man sich bei mir verlassen. Das heißt ja nicht, dass ich nicht weiter Politik mache. Aber nicht in der Funktion.

MM: Täuscht der Eindruck, oder fehlen den Grünen markante Köpfe? Gibt es heutzutage weniger echte Typen als in Ihrer Generation?

Trittin: Es ist immer erstmal schwierig, wenn ein Wechsel in den politischen Funktionen stattfindet. Es hängt auch damit zusammen, dass die Große Koalition in ihrem ersten Jahr kaum Angriffspunkte geboten hat. Die beiden vorherigen Regierungen haben ja mit Wortbruch begonnen. Die erste Große Koalition ist mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer gestartet, die Koalition aus Union und FDP mit der Freistellung der Hoteliers. Wir Grünen haben ja sogar einem zentralen Gesetzentwurf zugestimmt, der Einführung eines Mindestlohns. Ich glaube aber, dass es in Zukunft wieder mehr Angriffspunkte geben wird.

MM: Wie wird sich die politische Landschaft in Deutschland in den kommenden Jahren entwickeln?

Trittin: Ich sehe die Gefahr, dass Deutschland in eine österreichische Situation reinrutscht. Einer großen Koalition folgt die nächste große Koalition. Weil wir mit der AfD eine Partei kriegen, die extrem in den Bereichen der CDU wildert. Mit einem vorgestrigen Familienbild, mit einer Politik der Vorurteile gegenüber Zuwanderern und mit Europafeindlichkeit.

MM: Wird die FDP noch einmal ein Comeback feiern können?

Trittin: Wenn die FDP es nicht wenigstens bei den nächsten Wahlen in Hamburg schafft, und das wird schwer, sehe ich keine große Zukunft für die FDP.

MM: Das Parteiensystem besteht also künftig aus Union, SPD, Grünen, der Linken und der AfD?

Trittin: Es scheint, als ob es so sein wird. Wobei man sagen muss, dass wir auch 25 Jahre nach dem Mauerfall immer noch zwei Parteiensysteme haben. Im Westen ist die Linke linksradikal und eher klein, im Osten, und das zeigt sich jetzt wieder in Thüringen, ist sie Volkspartei und verhält sich auch so. Eine Mehrheitsbildung wird immer schwerer. Mit einer AfD, die die CDU schwächt, wird auch die Chance, dass man rein mathematisch-rechnerisch mal Schwarz und Grün zusammenbringt, nicht größer, sondern kleiner. Und solch eine Konstellation wird politisch schwieriger für die Union. Denn jedes Zugeständnis, das sie den Grünen gegenüber machen müsste, treibt ihre Kernwähler zur AfD. Das ist auch einer der Gründe, warum ich die Gefahr einer permanenten Großen Koalition sehe.

MM: Sie haben vor ein paar Wochen das Buch „Stillstand made in Germany - ein anderes Land ist möglich” veröffentlicht. Worum geht’s?

Trittin: Das Buch sagt, dass Deutschland seine komfortable Situation nicht lange wird halten können, wenn es nicht den Mut hat, sich den beiden großen Problemen zu stellen. Das ist der anwachsende Klimawandel. Und das ist jene Ungleichheit, die durch die Krisen produziert wurde, und unter der zum Beispiel Spanien bis heute leidet. Eine Zeit lang konnten wir damit leben, dass Krise in Italien, Spanien und Griechenland ist. Die fehlenden Exporte wurden durch Lieferungen in andere Länder kompensiert. Aber das geht nicht ewig. Auf Dauer sind wir in Deutschland davon abhängig, dass es allen in Europa gut geht. Das sollten wir uns mal klarmachen und mit der Überheblichkeit gegenüber anderen Ländern aufhören. Das ist ein Teil der Botschaft des Buchs.

MM: Interessieren Sie sich eigentlich für die mallorquinische Tagespolitik?

Trittin: Wenn ich hier bin, dann schaue ich mal in die Zeitung, verstehe auch etwas Spanisch. Ich habe mitbekommen, dass der Oberbürgermeister von Palma nicht wieder kandidiert, weil er vom Ministerpräsidenten gemobbt worden ist. Dass aber auch alle damit rechnen, dass der Ministerpräsident nicht wiedergewählt wird. Und dann ist natürlich nicht an mir vorüber gegangen, dass man vor der Küste nach Öl bohren will.

MM: Etwas, das Ihnen sicherlich nicht gefällt, oder?

Trittin: Es ist eine nicht ausrottbare Sehnsucht danach, dass man das fossile Zeitalter krampfhaft etwas verlängern will. Das ist absurd. Spanien hat bei Erneuerbaren Energien viele Chancen, es gibt zum Beispiel 2500 Sonnenstunden statt der 1000 in Deutschland. Wenn wir Klimawandel ernst nehmen, dann dürfen wir sowieso nicht einmal die Hälfte der heute bekannten fossilen Energien verbrennen. Das heißt, wir brauchen uns um neue Ölquellen gar nicht zu kümmern.

MM: Wissen Sie, wie oft Sie schon auf Mallorca waren?

Trittin: Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen ...

MM: 1998, kurz bevor Sie Umweltminister wurden, sind Sie zum zweiten Mal auf der Insel gewesen und haben MM ein ausführliches Interview gegeben. Wir waren damals beeindruckt, weil Sie zwar per Flugzeug angereist waren, aber ganz genau wussten, mit welchen Bahnverbindungen Sie auch hierher gekommen wären. Allerdings räumten Sie ein, dass das sehr zeitaufwendig und teuer wäre. Haben Sie diesen Bahntrip später irgendwann mal unternommen?

Trittin: Nein. Ich bin immer geflogen, hatte für die Bahnreise einfach nie die Zeit. Ich müsste jetzt genau nachrechnen, jedoch zwei Tage würde die Anreise sicherlich dauern. Aber wenn ich fliege, dann werden die entstandenen CO2-Mengen von mir bei Atmosfair abgegolten. Das halte ich schon immer bei Dienstreisen und auch bei privaten Flügen so.

MM: Sie sind seit Jahrzehnten Berufspolitiker. Wie verändert solch eine Zeit einen Menschen – bekommt man eine andere Sichtweise auf die Dinge?

Trittin: Sie fangen als junger Mensch an und wollen alles sofort. Dann lernen Sie, dass man vieles erreichen kann, aber erstens dauert es immer länger, als man denkt, und zweitens gibt es nie genau das, was man gefordert hat, eins zu eins. Man muss immer Kompromisse machen. Das haben wir Grünen gelernt, aber dabei nie unser Ziel aufgegeben.

MM: Ist der nächste Wanderurlaub auf Mallorca schon terminiert?

Trittin: Ich gehe davon aus, dass wir Ostern wieder hier sind.


Mit Jürgen Trittin sprach MM-Redakteur Nils Müller.


ZUR PERSON

Geboren wurde Jürgen Trittin am 25. Juli 1954 in Bremen.

Nach seinem Abitur 1973 studierte er in Göttingen Sozialwissenschaften und schloss das Studium als Diplom-Sozialwirt ab. Anschließend arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Pressesprecher und freier Journalist.

Mitglied der Grünen wurde Trittin 1980. 1985 zog er in den niedersächsischen Landtag ein.

Von 1990 bis ’94 war er niedersächsischer Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten.

In den Jahren 1994 bis ’98 war er Sprecher des Bundesvorstands von Bündnis 90/Die Grünen.

1998 wurde er in den Bundestag gewählt und wurde in der Koalition von SPD und Grünen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Das Amt hatte er bis 2005 inne.

Als die Grünen 2005 in die Opposition gingen, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Großen Koalition regierte, wurde Trittin stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion, von 2009 bis 2013 führte er diese dann als Fraktionschef an. Trittin war Spitzenkandidat der Grünen bei den Bundestagswahlen 2009 und 2013.

(aus MM 45/2013)

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