Der Moment, als die Flugzeug-Attentate vom 11. September New York erschütterten - daran erinnert sich nahezu jeder, egal, wo er sich gerade befand oder was er machte, als er davon erfuhr. So ähnlich erging es den Einwohnern von Palma zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es blieb ihnen unvergesslich, wie sie Zeugen des schwersten Arbeitsunfalls auf den Balearen wurden.
Es war der Nachmittag des 25. November 1895, als ein ohrenbetäubender Knall im gesamten Stadtgebiet zu hören war. Dann stieg langsam eine graue Rauchwolke in den klaren Himmel auf.
Was war geschehen? Vor 116 Jahren explodierte in einem vorgelagerten Bollwerk der Festung San Fernando im Winkel der Stadtmauer ein Munitionsdepot, in dem veraltete Gewehrpatronen entsorgt wurden. Die Demontage der Munition war eine schlecht bezahlte Arbeit, die vor allem von Frauen und Kindern ausgeführt wurde. Die Explosion löschte schlagartig das Leben von 70 Menschen aus, 22 weitere erlagen ihren Verletzungen, nachdem sie in das nahe gelegene Hospital geschafft wurden. Insgesamt wurden 92 Todesopfer gezählt.
Die amtlichen Untersuchungen ergaben, dass der Unfall leicht hätte vermieden werden können. Doch der Unternehmer Gabriel Padrós, der vom Militär beauftragt worden war, hielt die Sicherheitsauflagen nicht ein.
Insgesamt 1,5 Millionen Patronen sollten unbrauchbar gemacht werden. Dazu hatten die Beschäftigten die Metallhülsen zu öffnen und den Inhalt, das Pulver, in mit Wasser gefüllte Eimer zu schütten. Doch Padrós sparte sich das Wasser, um das Pulver noch anderweitig verkaufen zu können. Für die Arbeit stellte er ungelernte Kräfte ein. Viele Mütter, die auf den Job angewiesen waren, brachten ihre Kinder gleich mit. Teils mussten die Kleinen schon mithelfen, teils war der Nachwuchs beaufsichtigt.
Die Ursache für die Explosion ist nie eindeutig geklärt worden. War es Funkenflug, wie er entsteht, wenn Metall auf Metall trifft? Oder war es am Ende eine Zigarette, die den Pulverstaub in der schlecht belüfteten Arbeitshalle verpuffen ließ?
Vicenta Almasip, eine Witwe aus dem Raum Valencia, zählte mit ihren drei Töchtern zu den Todesopfern. Die Urgroßmutter des mallorquinischen Gewerkschafters Josep Benedicto war eine der ersten Frauen, die ihre ärmliche Heimat in Richtung Mallorca verlassen hatte, um hier mit industriellen Handlangerjobs ein neues Auskommen zu finden. Für den Gewerkschafter war es ein bewegender Moment, als an dem historischen Denkmal für die Opfer im Jahre 2008 eine zweite Plakette angebracht wurde, die an den Internationalen Tag des Arbeitsschutzes erinnert.
Die historische Steintafel wurde nach dem Unfall in der Nähe des Depots angebracht. Das Denkmal befindet sich gegenüber des balearischen Finanzamtes.
"Als das Unglück geschah, gab es weder Arbeitsschutz noch Sozialversicherungen", sagt Benedicto. Erst durch den Unfall sei ein Bewusstsein entstanden, das peu à peu zu diesen sozialen Errungenschaften führte. "Aber Immigranten aus Dritte-Welt-Staaten leiden auch heute noch häufig unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen."
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