"Ein Graben des Todes"

Am "Riuet" von Porto Cristo tobte die härteste Schlacht der Insel

Alexander Sepasgosarian | 29.09.2011

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Spurensuche Bürgerkrieg 
tras las huellas de la guerr
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Eine Grünzone, wie man sie in einer auf Tourismus spezialisierten Gemeinde nicht erwartet würde: Wuchernder Wildwuchs, ein verlotterter Tennisplatz, ein paar Spelunken, Abfälle, Bauschutt, alte Matratzen und Autoteile - so präsentiert sich der Uferbereich des Torrents von Porto Cristo, kurz bevor das flussartige Gewässer im Mündungsbereich zu einem Meeresarm samt Hafenbecken wird.

Wo heute heftig um den Abriss der Autobrücke gestritten wird  tobten vor 75 Jahren ganz andere Gefechte. Just im Rücken der kleinen Brücke, die nun wieder den gesamten Verkehrsstrom aufnehmen muss, beginnt die Aulandschaft des Tales, das an seinen Rändern von hoch aufragenden Uferfelsen umschlossen wird. Nichts deutet darauf hin, dass hier die blutigste Schlacht des Spanischen Bürgerkrieges auf Mallorca geschlagen wurde. In nur wenigen Augenblicken fanden dort weit über 400 Kämpfer - zumeist anarchistische Milizionäre - den Tod.

Die Männer waren in dem Talkessel unversehens in eine Falle geraten. Der Feind, das franquistische Militär, hatte auf den Höhen Stellung bezogen. Wie der Lokalhistoriker Antoni Tugores schreibt, hatten die „Nationalen" allein drei Stellungen mit schweren Maschinengewehren bezogen. Eine dieser Positionen befand sich dort, wo heute eine Pizzeria - mit unübersehbar roter Wandfarbe - über der Brücke thront. Auch von den gegenüberliegenden Höhen, etwa der heutigen Straße Andrea Doria, wurden die Milizionäre beschossen.

Wer waren die Männer, die in den Nachmittagsstunden des 16. August 1936 am Ufer des Torrent in den Kugelhagel gerieten? Bei den anarchistischen Zenturien handelte es sich um bewaffnete Gewerkschafter, die einen Teil der republikanischen Truppen stellten. Die Einheiten waren an dem Tag im Inselosten gelandet, um Mallorca von den - wie sie es sahen - „Faschisten" zurückzuerobern.

Alberto Bayo, der Kommandant des republikanischen Expeditionsheeres, hatte für den anarchistischen Verband eine Sonderaufgabe vorgesehen: Nachdem die Milizionäre die Felsinsel Cabrera im Süden Mallorcas unter ihre Kontrolle gebracht hatten, sollten sie im Westen auf Dragonera an Land gehen. Geplant war ein Ablenkungsmanöver, um die Inselverteidiger zu verwirren, während das Gros des Truppen Bayos im Osten bei Sa Coma an Land ging.

Doch die Anarchisten hielten sich nicht an den Befehl Bayos und handelten eigenmächtig. Sie landeten am besagten Morgen kurz nach fünf Uhr in der Früh in der Cala Anguila, südlich von Porto Cristo und begaben sich auf dem Landweg in Richtung Manacor. Die Männer waren siegesgewiss und erwarteten, Mallorca würde sich ihnen, wie zuvor Ibiza, Formentera und Cabrera, widerstandslos ergeben.

Eine fatale Fehleinschätzung. Das Militär auf Mallorca war zwar zahlenmäßig unterlegen, aber bestens organisiert und von Offizieren geleitet, die uneingeschränkt hinter dem Staatsstreich ihrer Generäle standen. Sie organisierten einen effizienten Widerstand und verstanden es, am Morgen der Landung schon sehr rasch Truppen aus Manacor und den übrigen Gemeinden im Inselosten heranzuführen.

So wie in der Cala Anguila waren auch in Porto Cristo anarchistische Truppen an Land gegangen. Während die Zivilbevölkerung Hals über Kopf die Flucht ergriff, berauschten sich die Milizionäre an ihrem Erfolg. Sie tauften den Hafen um in „Porto Rojo", plünderten Häuser und versuchten die Kirche in Brand zu stecken. Erst gegen elf Uhr stand die Entscheidung fest, den Eroberungszug nach Manacor anzutreten.

Doch bis dahin hatten die Invasoren wertvolle Zeit vergeudet. Das Militär, unterstützt von Mitgliedern der rechtsextremen Falange und den erzkonservativen Requetés sowie der Guardia Civil, versperrte den „Invasoren" den Weg nach Westen. Auf der Höhe der Hams-Höhlen wurde der Angriff der Milizionäre zurückgeschlagen. In den Mandelhainen ging eine Hundertschaft der aus Palma herangeführten „Legión de Mallorca" zum Bajonett-Angriff über. Die extrem gut ausgebildeten Soldaten mit afrikanischer Kolonialkrieg-Erfahrung machten keine Gefangene. Die militärisch wenig versierten Anarchisten stoben fluchtartig auseinander und zogen sich nach Porto Cristo zurück.

Unterdessen waren jene Milizionäre, die in der Cala Anguila an Land gegangen waren, ebenfalls bei Porto Cristo eingetroffen, verfolgt von nationalen Einheiten aus dem Raum Felanitx. Da die Höhen in der Hand des Militärs waren, zogen sich die anarchistischen Verbände in die Talsenke zurück. Die Strategie der Inselverteiger glückte: Beschossen von beiden Seiten gingen die Invasoren in die Falle, als ob sie treu den Befehlen der nationalen Kommandeure gehorchen würden, heißt es in der „Kreuzzug"-Enzyklopädie zum Bürgerkrieg, einem frühren Machwerk zur Verherrlichung des Franco-Sieges, das jedoch im Falle Mallorcas auf einer Fülle lokaler Daten und Zeitzeugen-Angaben basiert. Derart in die Zange genommen, wurden die anarchistischen Truppen in dem Tal rasch aufgerieben. Historiker sprechen vom „Massaker" am Gewässerchen „Riuet". Eingehend beschreibt die Enzyklopädie:

"Eine Flut aus Stahl verwandelte den Schlupfwinkel in einen tragischen Graben des Todes. Die, die nicht fielen, flüchteten panikerfüllt, und ohne Deckung blieben sie unter dem Feuer der Gewehre und Handgranaten der heroischen Legionäre..."

Bayo selbst bezifferte die Verluste an dem Ort auf 422. Doch die Zahl dürfte nach Einschätzung von Historikern noch höher sein. Denn Bayo hielt die Zahl klein, um die eigene Truppe nicht zu verunsichern und um seine Verantwortung am Debakel zu minimieren. Er verwies auf die Disziplinlosigkeit der Anarchisten in seinem Expeditionsheer und sandte rund 300 von ihnen nach Barcelona zurück. Möglicherweise waren aber auch viele Schwerverwundete darunter, die sich aus „Porto Rojo" hatten retten können, zum Teil schwimmend zu den eigenen Schiffen.

Schon am zweiten Tag konnten die Legionäre und Soldaten den Ortsrand von Porto Cristo erreichen. Das Hotel Perelló, das den Invasoren als Lazarett diente, wurde gestürmt, drei Krankenschwestern und die Verwundeten allesamt erschossen.

Der Küstenort selbst wurde zum Niemandsland, in dem sich bis zum Ende der Invasion feindliche Truppen Häuserkämpfe lieferten. Einzig die Steilklippen am Strand von Porto Cristo wurde von den Republikanern gehalten. Diese Stellung war für die „Nationalen" uneinnehmbar, so sehr sie auch die drei dort gelegenen herrschaftlichen Villen Can Blau, Can Riche, Can Servera beschossen.

Die Republikaner verschanzten sich hinter einer Mauer samt Sandsäcken, die dort von allen Kämpfern „El Parapeto de la Muerta", der Unterstand des Todes, genannt wurde. Beim heimlichen Abzug der Republikaner in der Nacht zum 4. September wurde auch die Steilklippe geräumt. Kampflos rückten die Militärs am nächsten Morgen in die verlassenen Stellungen ein. Und posierten für martialische Erinnerungsfotos

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