Bei „oben ohne” wurde noch ein Bußgeld fällig

Mallorca im Jahre 1971

Alexander Sepasgosarian | 14.09.2011

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Mallorca 1971. Wie war die Insel, die im Sommer jenes Jahres erstmals das Mallorca Magazin an ihren Zeitungskiosken vorfand? Die zeitlosen Koordinaten des Eilandes waren so, wie sie auch heute vorzufinden sind: Das Meer, die Strände, die idyllische Landschaft mit ihren Mandelhainen und Schafherden, im Hintergrund der blaugrüne Riegel des Tramuntana- Gebirges - all das gab es damals wie heute: unverändert attraktiv für Urlauber aus aller Welt. Und dennoch war die Insel damals eine völlig andere. Schon die Bevölkerungszahlen machen deutlich, welch rasanten Wandel Mallorca in den vergangenen 40 Jahren durchleben, wenn nicht sogar durchleiden musste.

Im Jahre 1970 lebten rund 460.000 Menschen - Einheimische wie Residenten - auf der Insel. Heute sind es mit 870.000 fast doppelt so viele. Wie kaum ein anderer Ort auf der Insel hat Palma demographisch zugelegt: 1970 waren in der Inselhauptstadt 234.000 Einwohner gemeldet. Vier Jahrzehnte später hat sich auch hier die Zahl der Bürger mit 404.700 nahezu verdoppelt. Die Balearen-Metropole muss auf die damaligen Besucher deutlich kleiner und heimeliger gewirkt haben als heute. Wie sah die Stadt aus? Ihre unverrückbaren Wahrzeichen wie die Kathedrale oder das Castillo de Bellver werden sich den Schaulustigen weitgehend ähnlich zu heute präsentiert haben.

Doch die Stadt selbst bot ein gänzlich anderes Bild. Weder gab es vor der Stadtmauer den heutigen Parc de la Mar noch die Stadtautobahn, die die Grünzone vom Meer abtrennt. Apropos Autobahn: Auch die Ringautobahn Vía de Cintura und die Autobahnen nach Llucmajor, Inca, Palmanova und Manacor existierten noch nicht. Wer mit dem Verkehrsbus von Palma nach Peguera wollte, war gut eine Stunde unterwegs. Eine Fahrt nach Pollença, nach Manacor oder gar bis nach Artà, das war fast ein ganztägiger Ausflug, bei dem man die meiste Zeit im Auto verbrachte. Palmas heutige In-Viertel wie Es Jonquet und Santa Catalina waren ärmliche Wohngebiete, in denen viele Gitanos (Zigeuner) wohnten. Ein regelrechtes Slum gab es am Stadtstrand von Can Pere Antoni, unweit des damals in Bau befindlichen Gesa-Hochhauses. Palmas östliche Altstadt, das sogenannte Gerrería- oder Barrio-Chino- Viertel, wartete mit Rotlicht- Milieu auf. Hier verlustigten sich die Matrosen der US-Mittelmeerflotte, die damals häufig im Hafen anlegte.

Palmas Altstadt war in jenen Jahren stark heruntergekommen. Viele Häuser standen leer oder drohten einzustürzen. Es gab Pläne, das gesamte Puig de Sant Pere-Viertel - das sind jene Gassen im rückwärtigen Bereich der Restaurantmeile rund um den Lonja-Platz - abzureißen. Zum Glück setzten sich jene Stimmen durch, die für eine schonende Sanierung des Viertels plädierten. Damals wurde der Grundstein gelegt zu einem der Anziehungspunkte für Urlauber, die abends in Palma zum Tapas-Essen ausgehen möchten. Der Paseo Marítimo und der Fährenterminal waren 1971 bereits vorhanden. Aber viele der bis zu 15 Stockwerke hohen Gebäude an der Meerespromenade wurden in jener Zeit erst geplant und errichtet. Vieles, was heute normal ist, gab es damals nicht. Internet, Mobiltelefone, deutsche TV-Programme via Satellit - das waren alles unvorstellbare Errungenschaften der Zukunft. In jenen Jahren war es schwierig, überhaupt eine der wenigen öffentlichen Telefonzellen zu finden.

Mallorca 1971: Politisch befand sich das Eiland damals unter der Diktatur des General Franco. Der war zwar schon hochbetagt, sollte aber die Entwicklung des Landes noch für vier weitere Jahre maßgeblich beeinflussen. Die Machtverhältnisse waren klar geregelt, auch wenn Freiheiten gewährt wurden, vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Und die Wirtschaft boomte auf der Insel, dank des Tourismus und der ersten Langzeiturlauber, die hier im sonnigen Süden überwinterten. Für Rentner aus Deutschland und Skandinavien war es billiger, drei Monate auf Mallorca im Hotel zu wohnen als zu Hause die Öltanks im Heizungskeller aufzufüllen. Die harten Nordwährungen und die relativ weiche Peseta machten es möglich. Viele dieser überwinternden Langzeiturlauber wollten nach den ersten Erfahrungen nicht mehr im Hotel wohnen. Ihnen stand der Sinn nach den eigenen vier Wänden im Süden, samt Garten, Meerblick und Strandzugang. Das rief findige Bauunternehmer auf den Plan. Sie errichteten die sogenannten Urbanisationen an den Küsten einsam gelegener Buchten. Cala Millor, Cala Bona, Sa Coma, Cala Romántica und Cales de Mallorca begannen so ihr

Der Tourismus auf Mallorca war bereits im Jahr 1971 der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Insel. Am Flughafen von Palma wurden damals 6,1 Millionen Passagiere gezählt. Das war ein großer Zuwachs zum Vorjahr, denn 1970 waren lediglich 4,7 Millionen Fluggäste registriert worden. (Zum Vergleich: in den vergangenen Jahren lag die Passagierzahl bei rund 22 Millionen). Die Zahl der Fluggäste von 1971, die halbiert - drei Millionen - in etwa die Zahl der Touristen anzeigt, ist beachtlich in mehrerer Hinsicht. Schon damals betrug die Zahl der Urlauber in etwa das Sechsfache der Einwohnerzahl. (Heute ist es in etwa das Zehnfache). Die Ankunft der Urlauber war zudem deutlich stärker auf die Sommermonate konzentriert, da die Flugverbindungen in der Winterzeit stärker ausgedünnt und auch teurer waren als in heutiger Zeit.

Ungeachtet der eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaft in der Spät- Franco-Zeit gestaltete sich das Leben auf Mallorca zum Teil fortschrittlicher als auf dem Festland. Das lag am Einfluss der Urlauber aus den demokratischen Ländern nördlich der Alpen. Das gelebte Vorbild führte zu einem schleichenden Wandel auf der Insel. Eine offene, freizügigere Gesellschaft deutete sich in jenen Jahren, in denen in Spanien die Ehescheidung verboten war, zaghaft an. So war der Bikini an den Stränden Mallorcas schon fest etabliert, als das Mallorca Magazin debütierte. Aufnahmen von barbusigen Damen in den Medien waren jedoch noch undenkbar. Wenn sich junge Frauen am Strand oben ohne sonnen wollten, tauchten flugs Beamte der Guardia Civil auf und verhängten ein Bußgeld, wenn sie die Damen nicht sogar mit auf die Wache schleppten. Das Thema FKK löste in jenen Jahr gar einen ungeahnten Kulturkampf aus, der jedoch auf Mallorca letztlich geschmeidig mit der Ausweisung einzelner Strandabschnitte beigelegt wurde. Denn FKK war ebenfalls eine Nische, mit der sich auf Mallorca Geld verdienen ließ. Die Insel reagierte somit auf die Nachfragen des Massentourismus und kam ihm entgegen. Egal, ob es sich damals um „nahtloses Bräunen" handelte, oder, wie in heutiger Zeit, um "all-inclusive."

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