„Schreien hilft nicht“

Deutsche Residentin aus Lloret de Vistalegre war an Bord der „Costa Concordia"

Susanne Petersen | 19.01.2012

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jErlebte das Schiffsunglück auf der „Costa Concordia" als Alleinreisende: Josefina Stephan. Ursprünglich hatte ihre erwachsene Enkelin mit ihrem kleinen Sohn sie begleiten wollen.

Foto: spe

Der Schock sitzt tief. Und die ganzen Bilder, sagt Josefina Stephan, die kommen erst jetzt so richtig hoch. Die Deutsche, die seit 16 Jahren in Lloret de Vistalegre lebt, gehört zu den letzten Passagieren der havarierten „Costa Concordia", die noch einen Platz in einem der Rettungsboote bekamen. Man hätte zur Not auch schwimmen können, zur nur knapp 200 Meter entfernten Isola del Giglio, doch auch dabei habe sie „Angst gehabt vom sinkenden Schiffskoloss zermalmt zu werden - man wusste ja nicht, in welche Richtung es sich dabei noch bewegt".

Die Stunden nach dem dramatischen Freitagabend, als sie gegen 21.30 Uhr von einem gewaltigen „Rumms" in ihrer Kabine geweckt wird - „Ich war früh schlafen gegangen, weil ich einen recht anstrengenden Tagesausflug nach Rom gemacht hatte" - , erinnert sie im Nachhinein fast wie im Trancezustand. Sie habe sich schnell angezogen - „Da fiel schon das Licht aus" -, nur das Handy nimmt sie mit und den Personalausweis, der zufällig noch in einer Tasche ihrer Jeans steckt.

Sie zieht die Schwimmweste über: „Auch wenn sie über Lautsprecher Entwarnung gaben - ,Nur ein Blackout, Ausfall eines Generators‘ -, wusste ich, dass es schlimmer sein musste." Sicherheitseinweisungen, sagt die 66-Jährige, habe sie bis dahin seit ihrem Zustieg in Palma vier Tage vor der Unglücksnacht nicht erhalten: „Ich hatte mir aber gemerkt, dass die Rettungsboote auf Deck null sind."

Die Gänge voller Menschen mit Schwimmwesten, den Aufzug nimmt sie nicht: „Ich hatte schon vorher Angst gehabt, dass durch die ausfallende Elektronik womöglich auch meine Kabinentür blockiert sein könnte." Auf Deck zero versuchen Crewmitglieder - „Sie trugen gelbe, wir Passagiere rote Schwimmwesten" - die Menschen auf die Rettungsboote zu verteilen: „Das waren Rezeptionistinnen, Köche, sogar Artisten von der Theaterbühne - aber von einem Offizier etwa, der klare Anweisungen gab, war weit und breit niemand zu sehen."

Dennoch sei die Stimmung zunächst noch gefasst gewesen - bis etwa eine Stunde nach der Kolli-sion das Schiff Schlagseite bekam und zu sinken begann: „Da brach lautstarke Panik aus", berichtet Josefina Stephan. „Ich sagte mir: ,Nicht schreien, das hilft nicht‘." Einmal, kurz vor 23 Uhr, sitzt sie schon in einem Boot, da habe es plötzlich geheißen: „Wieder raus." Eine knappe halbe Stunde später werden sie doch wieder in das inzwischen letzte Boot gehievt. Als sie an der Reihe ist, wird zugemacht: „Das Boot war voll."

Dieser Moment, sagt Josefina Stephan, sei der schlimmste gewesen. Gekämpft um einen Platz habe sie aber nicht: „Hinter mir standen ja auch noch 20, 30 Menschen, die nicht mit sollten. Ich dachte, dann ist es eben Schicksal." Offenbar weil sie schon auf dem zweistufigen Treppchen zum Boot steht, wird sie doch noch mitgenommen, ein älterer Herr hinter ihr „sprang einfach noch rein". Die Überfahrt habe keine zehn Minuten gedauert: „Aber erst an Land kam die Erleichterung: Gerettet!"

Surreale Erinnerungen auch an die nächsten Stunden auf Giglio: „Bis vier Uhr morgens gingen wir in den Schwimmwesten auf und ab, um uns warm zu halten." Für Menschen, die geschwommen waren, gibt die Dorfkirche Altardecken und Messgewänder aus, um sie wärmen: „Ich sah die junge Peruanerin, die mit ihren Eltern auch in Rom gewesen war - sie hatten mir im Zug gegenüber gesessen. Nun stand sie da in dem Priestergewand und suchte ihre Eltern. Wie ein Engel."

Bilder wie diese überfluten sie nun, auch nachts: „Letzte Nacht habe ich von einem Tunnel geträumt." Über Frankfurt sei sie Sonntagabend nach Palma geflogen. Viel verloren, ja, die Fotos auf dem Laptop, den Familienschmuck, und doch: „Meine Enkelin und ihr kleiner Sohn wollten erst mit mir reisen, eine Krankheit kam dazwischen." Alles hätte viel schlimmer kommen können: „Wir waren alle in Todesgefahr. Ich lebe."

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